SAMEN DER WÜSTE
Im Gespräch mit Dr. Irina Springuel
Professorin für Pflanzenökologie und bekannt als Expertin für Wüstenbotanik. „Ich mag die Wüste einfach“ bemerkt sie unerschütterlich bescheiden über ihre unglaubliche Karriere. Während ihrer Zeit als Professorin hat Irina einen Weg für Frauen geebnet und es ihnen ermöglicht, in die Wüste zu reisen um dort zu arbeiten und zu forschen. Sie unterstützte und förderte somit den Wunsch von Frauen, Teil der Welt der Wissenschaft in einem arabischen Land zu werden.
Die Förderung ihrer Schülerinnen sieht sie als ihre größte Errungenschaft; nicht ihre botanischen Erhaltungsbemühungen, auch nicht ihre Bücher oder zahllosen Veröffentlichungen, die sie geschrieben hat. Sie hat viele ausgebildet, betreut, gefördert und unterstützt, während sie von kleinen Kindern zu hervorragenden MSc- und PhD-Studenten heranwuchsen und nun ihre eigenen Forschungsgebiete oder Naturschutzorganisationen haben. Diese Studenten und Studentinnen sind jetzt über Ägypten sowie den Nahen Osten verteilt und machen auf die fragile Wüsten-Ökologie und die Notwendigkeit ihres Erhalts aufmerksam.
Liebe Dr. Irina, durch welche Umstände kamen sie nach Ägypten und wann?
Meinen Mann, Dr. Ahmed Belal lernte ich in den 60er Jahren im damaligen Leningrad, dem heutigen St. Petersburg kennen. Er nahm an einem studentischen Austauschprogramm zwischen der damaligen Sovietunion und Ägypten teil. 1969 zogen wir gemeinsam nach Ägypten. Ich war mit 25 Jahren bereits Biologin mit einem Abschluss BSc in Geobotanik und konnte dank meinem Mann und meinem Mentor Professor Dr. Mohamed Al-Kassas, einem international anerkannten Botaniker und Naturschützer mit Spezialisierung auf dem Gebiet der Bepflanzung von Trockengebieten, meine Studien fortsetzen. An der Universität Assiut erwarb ich schliesslich meinen MSc und PhD.
War es schwierig als Frau in der wissenschaftlichen Community akzeptiert zu werden?
Dass ich als einzige Frau ohne Kopftuch und ohne die Kenntnis der Englischen Sprache am Lehrstuhl, also am wissenschaftlichen Leben teilnehmen konnte, verdanke ich einzig meinem Mann und Professor Dr. Mohamed Al-Kassas.
Ohne die beiden wäre das nicht möglich gewesen. Die Begegnung mit den Beiden veränderte mein Leben jeweils nachhaltig.Ich brachte mir selbst Englisch bei, konnte aber meinen russischen Akzent nie ganz ablegen. Später an der Universität von Assuan übernahmen viele meiner Studenten diesen Akzent, so dass heute im Raum Assuan nicht wenige Menschen Englisch mit einem russischen Akzent sprechen.
Sie sind leidenschaftliche Naturschützerin. Wie kam es dazu?
Schon in meinem Studium waren Wüstenexkursionen die Basis von wissenschaftlichen Untersuchungen.
Meine instrumentelle Forschung zu den First Cataract Islands in der Nähe von Assuan während meines Doktorats war ausschlaggebend, dass dieses Areal 1986 zu einem Schutzgebiet erklärt wurde. Später, im Jahr 1989 gelang es mir gemeinsam mit Kollegen, ein weiteres Schutzgebiet im Gouvernement Assuan einzurichten. Wir schafften es diese einzigartigen Wüstenökosysteme im Rahmen von Naturparks oder Biospherenreservaten zu erhalten.
Wie kam es dazu, dass sie hier in der Wadi Sabarah Lodge in Marsa Alam einen Pharaonen- und Wüstengarten planten, anlegten und nun pflegen?
2014 bekam ich eine Mail von Samir S. Hammam. Er plante ein neues Hotel in Marsa Alam das in nachhaltiger Weise geplant, gebaut und betrieben werden sollte. Bestandteil dieser Planung waren zwei Gärten mit ausschließlich endemischen Pflanzen, um Biodiversität auch im touristischen Umfeld zu ermöglichen. Unterschiedlichste Arten von Wüstenpflanzen sollten zu einem Garten verschmelzen.
Ein Pharaonengarten soll widerspiegeln, welche Pflanzen in den Gärten der Pharaonen in den Palästen am Nil wuchsen.
Diese Gärten wollte Samir gemeinsam mit mir anlegen. Zunächst glaubte ich nicht an die Ernsthaftigkeit dieser Anfrage. Doch nach einigen Mails, Telefonaten und Begegnungen war ich überzeugt und willigte ein, mein Leben nochmals nachhaltig zu verändern.
Welches Konzept stand am Anfang der Idee?
Endemische Pflanzen sollten ausschließlich mit dem Abwasser des Hotels zurecht kommen. Dazu planten wir eine eigene Wasseraufbereitungsanlage. Pflanzen mit medizinischem Nutzen sowie vom Aussterben bedrohte Arten sind sollten ein Zuhause finden.
Dabei half mir all mein Wissen und meine Kontakte aus meiner aktiven Zeit an der Universität. Das Gras Cymbopogon schoenanthus subsp. Proximus zum Beispiel ist für seine Wirkung bei Nierenerkrankung bekannt. Deshalb ist es in der Wüste kaum noch zu finden. Ein ehemaliger Kollege der Universität gab mir Setzlinge. Erfreulicherweise vermehren sie sich im Pharaonengarten sehr gut. Dort pflanzten wir zum Beispiel auch Kräuter, Papyrus, Lotus und Granatäpfel. Olivenbäume setzten wir Terrassenförmig ein.
Der Wüstengarten beheimatet alles, was wir in der Wüste finden. 2006 Schrieb ich ein Buch über all diese Pflanzen, „The Desert Garden“. Durch dieses Buch hatte Samir mich gefunden.
Wann konnten sie mit der Bepflanzung der Gärten beginnen?
Wir begannen vor 8 Jahren, als das Hotel bereits Gestalt angenommen hatte. Insgesamt dauerte es eine Dekade bis das Hotel bezugsfertig war. Auf Land, das einst unter dem Meer lag, wurde die Wadi Sabarah Lodge in Marsa Alam von Grund auf unter Verwendung von lokalem Kalkstein in traditionellem Verfahren gebaut. Das braucht Zeit.
Innerhalb dieser Phase konnten die Pflanzen Wurzeln schlagen. Einige sind heute sogar schon 3 Meter hoch.
Ich sammelte Samen und Setzlinge in der Wüste. In der fruchtbaren Erde, die wir vom Ufer des Nassersees holten, wuchsen sie an. Die einen besser, andere wiederum schlechter oder gar nicht.
Das Projekt gab mir die Freiheit, meine Forschung fortzuführen und ganz nebenbei legte ich eine Samenbank an. Studenten kamen zu Exkursionen und die Idee eines Gartens als Ausflugsziel mit einem eigenen Besucherzentrum entstand. Das ist weiterhin eine Zukunftsvision und ein Traum für mich.
Bereiche der Lodge tragen den Namen von Wüstenpflanzen. Das Restaurant heisst zum Beispiel Tamarisk. Eine Etage des Hotels heisst Balanites, u.s.w.!
Woher haben sie das Wissen um die Pflanzen und ihre medizinische Heilwirkung?
In einem großen wissenschaftlichen Team arbeitete ich an einem Projekt, welches sich mit der nachhaltigen Lebensweise und Wissen von Beduinen am Nassersee beschäftigt.
Diese Forschungsgruppe mit Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Fakultäten trugen mit der Hilfe von Dolmetschern das Wissen der Beduinen im Buch „Nomads by the see“ zusammen.
Gab es in ihrem Leben noch weitere Begegnungen, die sie nachhaltig berührten?
Lady Diana besuchte die Universität vor langer Zeit. Ich hatte die Ehre, einen Vortrag vor ihr und ihrer Delegation zu halten.
Als sie fast zurück an ihrem Wagen mit Fahrer war, drehte sie sich um und suchte im Gebäude nach mir, obwohl alle auf sie warten mussten. Sie fand mich und bedankte sich persönlich bei mir für die Vorlesung und mein Engagement in der Forschung aber auch für die jungen Frauen. Ihre bodenständige, ehrliche Art und ihr Engagement für Frauenrechte berührten mich nachhaltig.
Für mich sind sie ein Samen der Wüste!?
Ich weiss nicht, was ich bin. Ich bin nur unendlich dankbar, durch diesen Garten all mein Wissen nochmals in ein Projekt einbringen zu können. Ein Garten, der all meine Erkenntnisse vereint und erfahrbar macht. Doch am meisten liebe ich es, dieses Wissen zu teilen und insofern haben sie vielleicht im übertragenen Sinn recht.